Dienstag, 10. November 2009

Mein persönlicher Mauerfall …

Gestern war der 9. November 2009 und somit ist der Fall der Berliner Mauer genau vor 20 Jahren geschehen. Die Bundesrepublik feierte dieses Ereignis (zum Teil sehr peinlich dokumentiert im ZDF), aber was passierte abseits vom Mainstream?

Wisst ihr noch, wie ihr den 9. November 1989 verbracht habt?

Der 9. November war für mich ein ganz normaler und anstrengender Tag, zu dem Zeitpunkt war ich seit August des Jahres im ersten Lehrjahr zum Elektronikfacharbeiter im VEB Messelektronik Berlin. Ein Jungspund sozusagen, der gerade seine 10 Jahre POS hinter sich hatte und in den Produktionsprozess für das Vaterland einsteigen wollte. Abi? Nein danke!

Die Montagsdemos und die (zaghaften) politischen Veränderungen in der DDR dominierten die Nachrichten, zum Glück wurde ich durch die Nähe zum Klassenfeind in Westberlin (und damit auch zu ARD, ZDF und SFB) nicht nur einseitig informiert. Aber seien wir ehrlich, ich war jung und fand das zwar alles aufregend, hätte mir aber nie vorstellen können, dass ich gerade in Echtzeit die letzten Monate der DDR miterlebe.

Am 9. November bin ich gegen 21 Uhr ins Bett gegangen und habe somit alles Spannende des Abends verpasst. Mein Arbeitsort (Lehrwerkstatt!) befand sich zu diesem Zeitpunkt in Weißensee und das war von Petershagen kommend eine Weltreise – um pünktlich im Blaumann um 6:45 Ihr an der Werkbank zu stehen, musste ich damals 4:22 Uhr mit der S-Bahn in Richtung Berlin aufbrechen. Das hieß 3:30 Uhr aufstehen, 5 Tage pro Woche. (Oh Gott, im Nachhinein ist es mir total unklar, wie das funktioniert hat. Ich liebe Gleitzeit!).

In der S-Bahn erschein mir alles wir immer, zudem hat mich Morpheus fest in seinen Armen gehalten – erst in Weißensee als ich aus der Straßenbahn stieg, kam mir ein Typ entgegen, der mir groß die Westberliner BZ entgegen hielt und schrie: “Ich war drüben!”.

Hat dann noch eine Weile gedauert bis ich verstanden hatte, was los war. Der Tag war förmlich gelaufen, es wurde ein Radio aufgebaut und Unterricht im eigentlichen Sinne fand nicht statt. Mein Gefühl zu der Zeit: Spannung und Neugier, aber ich habe mich in der DDR wohlgefühlt, ich bin behütet in einem Super-Elternhaus aufgewachsen und war vermutlich zu jung, um die Schwächen des System vollständig zu erkennen oder etwas wirklich zu vermissen.

Am folgenden Samstag habe ich dann zum ersten Mal die löchrig gewordene Grenze überschritten und zwar wirklich durch die geöffnete Mauer in der Bernauer Straße. Brav 100DM Begrüßungsgeld abgeholt, einmal über den KuDamm gelaufen und abends wieder nach Hause gefahren. Nun ja, umgehauen hat’s mich nicht.

Kurz danach hat sich einer unserer Ausbilder in den Westen verabschiedet – nur ohne Verabschiedung. Er war halt einfach weg und damit begannen dann die großen und kleinen Veränderungen: Aus dem Elektronikfacharbeiter (Ost) wurde der Industrieelektroniker (West mit IHK-Abschluss), dazu ein Jahr längere Lehrzeit. Mein VEB hatte mal 1800 Werktätige, 1992 wurden wir dann in eine überbetriebliche Ausbildungsstätte abgeschoben da man innerbetrieblich mangels Personal nicht mehr ausbilden konnte. Als ich im Frühjahr 1993 mit der Ausbildung fertig war, arbeiteten noch knapp 200 Leute dort, da war an Übernahme nicht zu denken. Also dann doch weiter die Schulbank drücken (Fachabitur) und den Studienweg einschlagen.

Meine Eltern wurden arbeitslos, eine schwere Zeit für zwei fleißige Menschen – aber auch die hat man schließlich irgendwie überwunden.

Letztendlich und zurückblickend kann ich sagen, dass sich durch die Wende für mich Möglichkeiten offenbart haben, die ich so niemals gehabt hätte. Sicherlich gab es auch eine Menge Verlierer in diesem Prozess, aber ich konnte die Weichen in neue und bessere Richtungen stellen.

Ich bin froh, im Osten aufgewachsen zu sein, es sind andere Erfahrungen, die man gemacht hat und von denen man manchmal heute noch profitieren kann (auch wenn es manchmal nur Erinnerungen sind). Und es hat sich erwiesen, dass weder im Westen noch im Osten alles gut, toll und schön war/ist. Es liegt eben an jedem selbst, was er daraus macht – Eigeninitiative ist natürlich die Voraussetzung, heute mehr denn je.

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